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Uganda 2014 - Ein Reisetagebuch

In late summer of 2014, I traveled the East African country of Uganda for five weeks, together with my good friend Paul. This is the digital version of the travel diary I kept throughout the journey, in which I have written down my personal impressions of this beautiful country and its people. It is full of awesome and less awesome photographs, where the awesome ones are taken by Paul (marked with [Paul]), whereas the meh ones are taken by myself. You'll see :).
You can click on the map to the right to view all the places we've been to.

Most of the content is in German. The journal entries are sorted by date (latest first).

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This diary is missing most of its entries, because I haven't yet migrated them to this new location. I will find some time to do that once I'm at South Pole.

  • Kampala: Besuch der Gaddafi-Moschee
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  • 9. August 2014

As-salamu alaikum - Wa-alaikum us-salam!
Die Moschee von Kampala ist auf einem der sieben Hügel der Stadt gelegen, sodass man von hier aus einen guten Überblick hat. Auf dem großen Platz vor den breiten Treppen aus weißem Stein, die zur Moschee hinauf führen, sind bunte Buden und Stände mit Andenken aufgebaut. Man führt mich und Maria hinter eine dieser Buden, wo wir "transformed" werden sollen - unverschleiert ist es uns nicht erlaubt, das Gotteshaus zu betreten. Eine nette junge Ungaderin wickelt uns in lange bunte Tücher ein, bis nur noch das Gesicht zu sehen ist.
Nach einigen bösen Blicken in Pauls Richtung ist ihm das Lachen angesichts unserer Aufmachung in ein debiles Grinsen übergegangen, und unser Guide bittet uns höflich, ihm zu folgen. Am Fuße der Treppen legen wir unsere Schuhe ab; der warme Sandstein fühlt sich barfuß ohnehin viel besser an. Nicht so gut jedoch wie der flauschige Teppich, den wir kurz darauf betreten. Damit ausgelegt ist der gesamte Innenraum der riesiegen Moschee; einer der hellsten und freundlichsten Räume, die ich je betreten habe. Man setzt uns in eine Ecke nahe der großen, zweiflügligen Eingangstür unter dem Fenster aus buntem Glas. Hier werden wir Zeugen einer muslimischen Hochzeit, die in einigen Metern Entfernung abgehalten wird. Unser Guide, ein netter alter Mann, erklärt uns die Prozedur.

Eine gefühlte Ewigkeit sitzen wir dort in unserer Ecke und lauschen den Worten des alten Gläubigen, der uns die Bedeutung der Moschee für die Stadt und ihre Menschen erklärt. Dies hier sei nicht nur ein Haus Gottes, sagt er, es sei ein Ort der Zusammenkunft, des Trostes und der Geborgenheit. Und tatsächlich, eine gewisse Magie geht aus von diesem Ort; man vergisst für eine kurze Zeit das hektische Treiben auf den Straßen Kampalas, wenn man unter den kunstvoll verzierten Bögen und Säulen herschreitet...
Die Realität hat uns wieder, als wir die 3,25 · 1019 Stufen des Minaretts erklimmen, doch unsere Mühe wird belohnt: Ein Panoramablick über die Hauptstadt Ugandas, die von hier oben wunderbar grün und freundlich aussieht. Ein bisschen fühle ich mich an Rom erinnert, als ich die sieben Hügel der Stadt zähle.

In Kampala angekommen fällt einem eines sofort auf: Der chaotische Straßenverkehr. PKWs, Lieferwagen, Taxen, Matatus, Boda-Bodas, Fußgänger und Lastenträger laufen, fahren, rollen und schieben durcheinander, dass dem deutschen Verkehrsteilnehmer Hören und Sehen vergeht. Und als wäre das alles nicht schon verwirrend genug: In Uganda herrscht Linksverkehr.

Fun-Fact: Das "Herz" Kampalas ist ein riesiger - haltet euch fest - Taxistand. Ebendort steigen wir aus unserem Matatu, und geraten hinein in einen absoluten Alptraum.

Mein erster Eindruck von Ugandas Hauptstadt: Die schrecklichste, dreckigste, unfreundlichste Stadt der Welt! Allein der Weg vom Matatu zum Hotel ist für mich der reinste Höllentrip. Neben Maria, die sich zielstrebig und geschickt über die kaputten Straßen und durch die Menschenmassen hindurch manövriert, müssen Paul und ich aussehen wie verschreckte, grobmotorische Kleinkinder. "Taschen gut festhalten!"

Der Tipp kommt keinen Augenblick zu früh. Also klammern wir uns krampfhaft an unsere Rucksäcke in dem verzweifelten Versuch, Maria bloß nicht aus den Augen zu verlieren. Geduckt quetschen wir uns durch die Menge. Immer wieder müssen wir mit einem großen Satz über eines der metertiefen Löcher im bröckeligen Gehweg springen; dabei werden wir begafft von hunderten Einheimischen. Viele begnügen sich mit einem "Hello Muzungu!" oder einem "How are you?", manche greifen nach meinen Armen oder gar meinen Haaren. Ich stiere gerade aus und versuche, möglichst schnell hinter Paul und Maria herzustolpern. Bloß weg von diesem Ort!

Endlich im Hotel angekommen falle ich erschöpft auf mein Bett. Wo bin ich hier gelandet? Ich schätze, man muss die Dynamik dieser Stadt erst lernen, sich an die Menschen gewöhnen und erkennen, wie man sich durch Kampalas Straßen bewegen muss, bevor man sich nicht mehr gänzlich wie ein Fremdkörper in einem Organismus vorkommt, der mit aller Gewalt ausgestoßen werden muss...

Nachdem der erste Schock überstanden ist, macht mir auch der Zustand des Hotelzimmers nichts mehr aus. Am liebsten den Rest des Aufenthalts hier in diesem Zimmer bleiben, denke ich mir, mit den muffigen Betten und schmandigen Vorhängen, wo der Putz von den fleckigen Wänden abbröckelt und braunes Wasser aus dem Hahn tropft. Bloß nicht wieder auf die Straße!
Doch daraus wird leider nichts, da unser Gepäck ins falsche Hotel geliefert wurde. Also wieder zurück durch die Häuserschlucht, am bewaffneten Guard vorbei und auf die Straße, wo direkt der nächste Schock auf mich wartet: Maria hat drei Boda-Boda-Fahrer angeheuert, die uns zu besagtem Hotel bringen sollen!

"Keine zehn ugandischen Zebras kriegen mich auf eins dieser Selbstmordmofas", ist der Gedanke, der mir durch den Kopf schießt, doch es fehlt die Zeit, um zu protestieren. Schon sitze ich hinter dem dürren Fahrer mit der roten Wollmütze auf dem klapprigen Motorrad-Taxi - und los geht die Fahrt meines Lebens!
Schon nach 10 Metern ist die Angst verflogen, der schockstarre Ausdruck auf meinem Gesicht ist einem breiten Grinsen gewichen.
Den Spaß einer ersten Boda-Boda-Fahrt durch Kampala - das muss man einfach selbst erlebt haben! Geschickt manövriert der Fahrer zwischen den Massen hindurch, vorbei an den teilweise meterbreiten Schlaglöchern; über Kreuzungen, an denen hunderte kleine und große Fahrzeuge wild durcheinander fahren. Der Verkehr lässt keine Systematik erkennen, und doch achtet hier jeder irgendwie auf den anderen, sodass der Empfehlungswert einer roten Ampel konsequent ignoriert werden kann. Wer am lautesten hupt, hat Vorfahrt.
Die Geschwindigkeit varriert zwischen 0 und 60 km/h. Schnell lernt man, dem Fahrer einfach zu vertrauen und nicht mehr auf die chaotischen Straßen zu achten, sondern stattdessen das wuselige Kampala und den Fahrtwind in den Haaren zu genießen. Zwischendurch muss ich mich beherrschen, nicht laut aufzulachen. Der Fahrer grinst mir amüsiert über den Seitenspiegel zu und gibt noch mehr Gas.

Mit einem breiten Grinsen vom Backbord- bis zum Steuerbordohr steige ich, am Ziel angelangt, von meinem Boda. Kampala ist für mich gerettet!

Glossar Eintrag #2: Muzungus

"Hey, Muzungu!"

Das ist die Wortkombination, die mir in Uganda am häufigsten zu Ohren gekommen ist. Als Muzungus werden hier alle Weißen bezeichnet; das Wort bedeutet so viel wie "der Reisende" oder "der Suchende". Es ist dabei keineswegs abwertend gemeint, nicht wie wenn jemand bei uns "Ey, Schwarzer!" sagen würde.
Besonders die Kinder in den abgelegeneren Dörfern fahren total auf Muzungus ab. Fährt man mit dem Boda-Boda durch eins der Villages, hört man schon von weitem "Muzungu, Muzungu!"-Rufe, worauf dutzende Kinder zum Straßenrand gelaufen kommen und winken. Ein Zurückwinken wird manchmal mit lautem Gelächter und Luftsprüngen gefeiert. Superniedlich!
Natürlich wird das Attribut "weiß" in Afrika oft mit "reich" assoziiert. Vor allem in Städten wird "Hey, Muzungu!" daher gern durch "Give me my [...]!" ergänzt. Die eckigen Klammern werden wahlweise, je nach Situation, durch "money", "pants", "shoes" oder auch "sweeties" ausgefüllt.
Ebenfalls beliebt ist auch "How are you, Muzungu!". Das hört man echt an JEDER Ecke. Selbst von den Kindern, die eigentlich noch gar kein Englisch können. Die wenigsten Leute erwarten dabei eine Antwort auf die Frage und reagieren auf ein "Thankyou Sir, I'm fine, how are you?" völlig perplex.
Neben den Muzungus, womit in der Hauptsache weiße Europäer und Amerikaner gemeint sind, gibt es übrigens auch noch die Muhindis und die Muchinas. Dabei handelt es sich vermutlich um nachträglich erfundene Kunstwörter, deren Bedeutung wohl klar sein dürfte.

  • Landung in Entebbe
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  • 8. August 2014

I saw a friend of mine the other day
And he told me that my eyes were gleamin'
I said I had been away, and he knew
He knew the depths I was meanin'.
(Ben Howard)

Eine andere Welt!
Schon die Ankunft am Flughafen in Entebbe machte dies mehr als deutlich. Ein scheinbar heruntergekommenes Flughafengebäude, eine Landebahn inmitten grasender Ziegen; auf der einen Seite durch Wasser, auf der anderen durch einen Maschendrahtzaun begrenzt, hinter dem einheimische Kinder den ankommenden Flugzeugen winken. Mit Sturmgewehren bewaffnete Polizisten an jeder Ecke. Und roter Staub! Überall.

Die Touristen-Abfertigung im internationalen Flughafen von Entebbe ist etwas verwirrend, so dass wir es irgendwie schaffen, uns aus Versehen an der Passkontrolle vorbeizuschleichen. Ein bisschen wundern tun wir uns schon, dass niemand unser Visum sehen will, aber inzwischen sind wir bereits am Gepäckband angekommen und viel zu sehr damit beschäftigt, unsere zahlreichen Koffer in der Menschenmenge auszumachen. Dass der fehlende Stempel im Visum zu Problemen führen würde, ist uns zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst...

Willkommen geheißen werden wir von Pauls Schwester Maria und einigen anderen Freiwilligen aus Fort Portal. Mit Gepäck passen wir natürlich nicht alle in den Mietwagen, also entscheiden wir uns kurzerhand, die 40 km bis Kampala im Matatu zurückzulegen - womit das erste große Abenteuer seit dem langen Flug von Düsseldorf beginnen sollte. Und es sollte nicht das letzte Abenteuer des heutigen Tages bleiben, aber dazu später mehr.

Die staubige Straße von Entebbe nach Kampala ist gesäumt von Sinneseindrücken, die man nur schwer in Worte fassen kann. Dennoch: Die knalligen Farben der aneinander gereihten Kaufläden, die von Plastikspielzeug über Polstermöbel bis hin zu Lebendgefieder fast alles verkaufen, was man sich vorstellen kann; davor Händler und Käufer, die um die Waren feilschen; die Kinder, die zwischen den Hühnern und Ziegen auf der Straße spielen. Immer wieder steile, mit Bananenpflanzen bewachsenen Abhänge, die sich zwischen dem geschäftigen Treiben auftun.

Wir sind müde von der langen Reise. Aus dem Matatu-Radio tönt scheppernd arabisch klingende Musik. Man lässt sich davon einlullen, bis man durch eines der zahlreichen Schlaglöcher in die Realität zurückgeholt wird.

Beim Lesen dieses Tagebuches werden euch einige Wörter unterkommen, die ihr noch nie gehört habt. Dafür habe ich ein kleines Glossar angelegt, aus dem ihr den ersten Eintrag hier lesen könnt:

Glossar Eintrag #1: Transportmittel in Uganda

Matatus sind umgebaute japanische Kleinbusse, ursprünglich ausgelegt für den Transport von 8 Fahrgästen. Hier in Uganda werden bis zu 27 Personen plus Federvieh in ein Matatu gequetscht; man hat so gut wie nie einen Platz für sich allein. Die Taxi-ähnlichen Transportmittel fahren erst dann los, wenn sie voll sind. Fahrpläne: Gibts nicht.

Boda-Bodas sind das bevorzugte Kurzstrecken-Transportmittel in Uganda. Die meisten Reiseführer raten von einer Fahrt auf einem dieser Motorrad-Taxis, strikt ab - aber ehrlich Leute, ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viel Bock das macht! Und die Dinger sind superpraktisch. Man findet eigentlich immer irgendwo ein Boda, auch mitten in der Nacht. Einmal kurz winken, mit dem Fahrer einen Preis aushandeln (Richtwert ist immer ca. die Hälfte von dem, was der Fahrer vorschlägt), und los gehts. Helm oder Schutzkleidung: Fehlanzeige.
Hinter dem Fahrer ist locker Platz für zwei Personen und ein Huhn. Zu dritt und mit Ziege wird es schon etwas eng, geht aber alles. Boda-Boda ist übrigens eher die Bezeichnung für die Dienstleistung. Das Motorrad als solches ist ein Piki-Piki. Die meisten Fahrer verleihen ihre Pikis auch, und wenn man Glück hat, erwischt man eins, bei dem nicht auf halber Strecke die Kupplung abbricht.

Reisebusse: Längere Strecken, wie zum Beispiel Kampala - Fort Portal, legt man am besten im Bus zurück. Die sind meist schneller als die Matatus und angeblich deutlich komfortabler, was sich jedoch nicht unbedingt mit meinen Erfahrungen deckt. Platz hat man im Bus genausowenig wie im Matatu, dafür ist die Fahrt oft weniger halsbrecherisch.
Personenzugverkehr existiert in Uganda überhaupt nicht. Und da die meisten Straßen in einem katastrophalen Zustand sind (meterbreite und -tiefe Schlaglöcher sind keine Seltenheit), ist man für eine Strecke von 200 km mal locker 5-7 Stunden unterwegs - vorrausgesetzt man bleibt pannenfrei und der Fahrer hat nicht vergessen zu tanken.

Bei den meisten Fahrzeugen in Uganda, ob Boda-Boda, Matatu oder Reisebus, ist übrigens ein Mut machender Spruch auf Stoßstange, Heckscheibe oder Motorhaube á la "In God We Trust" gepinselt. Na, dann kann ja nichts mehr schiefgehn. Augen zu und gut festhalten!