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Mit dem Nachtzug nach Lapland - 2014

In winter 2014 I fulfilled myself a little dream: I saw the Northern Lights with my own eyes! Bringing a pair of long underwear, a copy of Lem's "Star Diaries" and my two friends Michael and Neel, I took the long journey to the far north of Swedish Lapland to witness one of nature's most magical displays.
I met very interesting people on the way, and experienced the beauty of Lapland's manifold landscape, of which I tried to shoot a few first "sophisticated" photographs with my sister's old camera. The long journey that was traveled mostly by train (click on the map to the right to view the whole way) once again taught us: Der Weg ist das Ziel.

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  • Auf nach Schweden!
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  • 20. November 2014

I wanna go even if I'm snowed up whole
I wanna go hear the north wind blow.
Blaudzun

"Zuckerwatte!" sagt Michael, als er seine Nase neben meine an die ovale Fensterscheibe drückt. Der schneeweiße Wolkenteppich, der sich bis zum Horizont erstreckt, sieht tatsächlich erstaunlich fluffig aus.
Mit der Sonne im Rücken rast die kleine Boing 737-800 Maschine gen Norden; wir müssten jetzt irgendwo über der Ostsee sein. Immer wieder tauchen kleine Wolkenberge in dem weißen Meer aus Zuckerwatte auf, sodass man sich an Wale und Seeungeheuer im Ozeon erinnert fühlt. Neben uns schnarcht mein indischer Gaststudent Neel, der dritte in unserem Bunde, auf dem unbequemen Flugzeugsitz friedlich vor sich hin und verpasst das meterologische Schauspiel. Was sagt man dazu.

Als das Flugzeug zum Sinkflug vor Stockholm-Skavsta ansetzt, ist die Sonne bereits untergegangen - dabei ist gerade einmal viertel nach vier. Das Wetter an unserem Zielflughafen unterscheidet sich von dem in Düsseldorf-Weeze nur unwesentlich. 5° C, bewölkt, Pfützen auf dem kahlen Asphalt des Rollfeldes. Obwohl es in der kleinen Empfangshalle schön warm ist, halten wir uns dort nur kurz auf, um drei Bustickets nach Nyköping (gesprochen Nüschöpping) zu kaufen. Von dort wollen wir mit dem ersten Zug unserer langen Reise ins 100 km entfernte Stockholm fahren. Sowohl der Bus als auch der Zug sind absolut pünktlich, sodass wir bereits kurz nach der Landung in einem warmen, gemütlichen Großraumabteil sitzen und die ersten Butterkekse in uns hineinstopfen. Die Züge in Schweden sind übrigens um einiges komfortabler als in Deutschland: Die Sitze sind breiter (weil auch die Wagen ein Stück breiter sind), weicher und sauberer. Wie bei uns in der 1. Klasse! Sogar die Toiletten sind okay.

Nach einstündiger Fahrt erreichen wir Stockholm Central Station, um exakt 18:31 Uhr. Da wir einen - dank der Pünktlichkeit der schwedischen Bahn völlig überflüssigen - zeitlichen Puffer von gut vier Stunden eingeplant haben, beschließen wir, ein wenig Schwedens Hauptstadt zu erkunden. Da es jedoch dunkel und kalt ist, zieht es uns bald in ein Sportlokal in der Nähe des Bahnhofs, wo man uns Pizza und Bier für 100 Kronen serviert.
Der Stockholmer Hauptbahnhof ist ziemlich groß und modern und bietet allerlei Einkaufsmöglichkeiten, sodass wir uns dort später mit weiteren Supplies für die uns bevorstehenden nächsten 17 Zugstunden eindecken. Dösend warten wir auf einer Bank, bis es Zeit ist, Gleis 18 aufzusuchen.

* [Before you judge me for flying Ryanair: I don't do that anymore. Present-Raffi would have made the whole journey avoiding airtravel, but past-Raffi was careless and young and needed the money.]

Frierend und bis obenhin vollgepackt mit unserem Gepäck stehen wir auf dem windigen Gleis 18 von Stockholms Hauptbahnhof. Kurz bevor sich die durch Müdigkeit bedingte Grumpyness in unserer kleinen dreiköpfigen Reisegesellschaft breit machen kann, fährt jedoch unser Zug ein - wie erwartet auf die Minute pünktlich um 22:40 Uhr.
Der lange Zug besteht aus drei Abschnitten: Zum einen aus den Schlafwagen für die Super-Reichen mit komfortablen 2-Bett-Kabinen, gratis Kaffee und vergoldeten Klobrillen; zum anderen den Liegewagen, wo sich immerhin 6 Leute eine kleine Kabine mit Etagenbetten teilen. Und dann gibt es da noch die normalen Großraumabteile für Studenten, Sparfüchse oder Passagiere, die nur wenige Stunden reisen müssen. Wir gehören zur Studenten- bzw. zur wir-können-das-ab-wir-sind-ja-noch-jung-Kategorie und eilen zum vorderen Teil des Zuges, wo sich unsere Sitzplätze verteilt in Waggon 31 befinden.

Da wir die nächsten 11 Zugstunden nicht allein verbringen wollen und wir ja schließlich zusammen reisen, okupieren wir einen Vierer-Sitzplatz mit Tisch, ziemlich in der Mitte des zu einem Drittel besetzten Großraumabteils. Nach einer Runde Wizard und ein paar Scheiben Schwarzbrot mit Babybell-Käse ereilt uns dann aber doch die Müdigkeit, sodass wir uns so platzaufwändig wie möglich über insgesamt sechs Sitzplätze verteilt schlafen legen - so gut es geht.
Ein Weilchen knubbel ich noch meinen improvisierten Schlafanzug zurecht und wälze mich herum, bis ich mir einbilde, eine Schlafposition gefunden zu haben, in der ich es die nächsten 10 Stunden aushalten kann. Für einen Moment sehe ich noch aus dem Fenster in die pechschwarze Nacht, bis mich die typischen Zuggeräusche wie das "Tumtum-tumtum" der Schienen, das dopplerverschobene Klingeln der Signale an den Bahnübergängen, die wir passieren, sowie das leichte Schaukeln des Waggons in einen seichten Schlaf wiegen.
Ich träume von Nordlichtern. Grün und rot, violett und sogar blau (am Tag zuvor hatte ich Neel erklärt, dass das die seltensten seien) wabern die bizarren Bänder am Nachthimmel hinter der Fensterscheibe entlang. Mein Unterbewusstsein, dass sich seit Tagen scheinbar mit nichts anderem beschäftigt hat, pinselt mir die schönsten Formen und Farben an die Leinwand meiner Traumstaffelei. Für einen Moment lang fühle ich Erleichterung, die Mission unserer Reise schon jetzt erfüllt zu haben - Nordlichter sehen!

Jäh werde ich jedoch aus meinem bunten Traum gerissen, als sich der Zug gegen 4 Uhr morgens plötzlich füllt. Leider müssen wir jetzt unsere unrechtmäßig besetzten Plätze räumen - tschüssi Beinfreiheit. Verschlafen suchen wir unsere Siebensachen zusammen und räumen das Feld, gescheucht von einer strohblonden Mutter mit zwei nervigen, kleinen und ebenso strohblonden Töchtern. Sehr zum Ärger der übrigen Fahrgäste lässt sie ihre Lütten den Rest der Fahrt auf voller Lautstärke mit ihrem Smartphone spielen - dass dies hier ein Nachtzug ist und eventuell Leute schlafen wollen, scheint die Lady nicht im geringsten zu interessieren. Gegen das hochfrequente Gequietsche der Blagen sind selbst die Ohrstöpsel machtlos.

Ich verfluche den Tag, an dem ich statt des Schlafwagentickets das billige Platzticket gebucht habe, und versuche mich auf meinem Sitz in eine bequeme Schlafposition zu falten, ohne dem ebenso gebeutelten Michael neben mir einen Fuß im Gesicht zu parken. Irgendwann gebe ich auf und lasse meine Gliedmaßen einfach da, wo sie grade sind, was ziemlich komisch aussehen muss. Grummelig schaue ich auf die Uhr: Kurz vor 7. Draußen kündigt sich bereits zwielichtig ein neuer Tag an. Und da wir ja sowie nicht schlafen können, beschließen wir, direkt zum Frühstück überzugehen. Es gibt Schoko-Cookies mit Babybell.

Währrend der Zug an den ersten verschneiten Fleckchen vorbeirast, beschäftige ich mich drinnen mit Stricken (oder, wie Michael es nennt: Mit dem Heraufbeschwören eines Wollsockens aus der Unterwelt).
Gegen 8 Uhr schaffe es ich dann tatsächlich noch einmal, einzuschlafen, um 2 Stunden später von Michael über den Anblick der Landschaft geweckt zu werden: Schneeweiße Hänge, verschneite Wälder und gefrorene Seen, die im flüchtigen Licht der Vormittagssonne glitzern. Vergeblich halte ich Ausschau nach einem Elch.

"Nästa stopp: Boden!" tönt es um kurz vor 11 aus den Zuglautsprechern. Das sind wir!

Am kleinen Bahnsteig in Boden ist es schweinekalt und windig, doch die Sonne scheint und die Bewegung weckt unsere Lebensgeister. In der Ferne sieht man bereits die metallischen Waggons unseres Anschlusszuges glitzern, in dem wir die nächsten 6 Stunden unserer Reise verbringen werden. Auf die Minute pünktlich (wer hätte es anders erwartet) rollt er in den Bahnhof ein: Der Arctic Circle Train.

Ein Glück, dass die Sonne noch nicht untergegangen ist - die Aussicht aus dem Zug ist atemberaubend. Ein Winterwunderland soweit das Auge reicht! Die Sonne steht bereits tief am Himmel - dabei ist es gerade mal mittag - und taucht die fernen Berghänge in ein orangenes Leuchten.
Der Lok des Arctic Circle Train zieht nur drei kurze Waggons, in denen außer uns nur eine handvoll Passagiere Platz genommen haben. Im Zug ist es wunderbar warm und gemütlich, doch die Landschaft ist so schön, dass keiner von uns auf die Idee kommt, auch nur für eine Sekunde ein Schläfchen zu halten.

Längst haben wir den Polarkreis überquert. Ich bin nun soweit im Norden wie noch nie zuvor. Und das Zwilicht der untergehenden Sonne verleiht den verschneiten Silhouetten der Bäume etwas Mystisches.
Aus dem letzten Wagen kann man durch das schmale Fenster in der Zugtür auf die Schienen hinunter sehen. Währrend der Zug darüber hinweg rauscht, entstehen Verwirbelungen von Schnee und Eis, sodass die Gleise in eine Art weißen Nebel gehüllt sind. Ein guter Zeitpunkt, ein bisschen mit der Kamera meiner Schwester zu üben, die sie mir für die Reise geliehen hat.

Als wir gegen 3 Uhr Kiruna erreichen, ist es bereits fast dunkel. In der Ferne sind die riesigen Fabriken der Bergbaustadt zu sehen; eine hell erleuchtete Skipiste ragt dazwischen hervor. Die meisten Fahrgäste steigen hier aus, sodass wir nun fast allein im Zug sind. Den Rest der Fahrt nach Abisko klebe ich mit der Nase an der Fensterscheibe. Wenn man schon Nordlichter sehen kann, dann will ich die Erste sein! Mit beiden Armen versuche ich, die Beleuchtung des Waggons aus meinem Sichtfeld auszugrenzen und gleichzeitig die Scheibe nicht mit meinem Atem zu beschlagen. Ein schwieriges Unterfangen, das natürlich nicht belohnt wird.

Abisko hat zwei Haltestellen, was an sich schon seltsam genug ist, da der Zug stundenlang gar nicht und in dem 85-Seelen-Dorf gleich zweimal hält. Da wir keine Ahnung haben und uns auch niemand hilfreiche Auskunft geben kann, steigen wir - auf gut Glück - an der zweiten Station aus. Natürlich die falsche Entscheidung, wie man uns in der nahegelegenen Turiststation mitteilt. Also machen wir uns vollgepackt mit all unserem Gepäck auf zum Marsch zurück Richtung Abisko Östra - immer schön parallel zur Bahnstrecke. Zwischen den beiden Stadtteilen liegen 2 km unbewohnte Landschaft. Der schmale Weg ist dank des Schnees gut zu erkennen, dennoch ist es eine gruselige kleine Wanderung durch die pechschwarze nordschwedische Nacht. Ach nee, ist ja grade mal 4 Uhr nachmittags...

In der Ferne hört man Wölfe heulen. Im Licht der Taschenlampen sind riesige Pfotenabdrücke zu sehen. Als dann zu allem Überfluss auch noch eine kleine Blutspur auftaucht, wird uns dann doch etwas mulmig.

Mit schweren Rucksäcken sind 2 km erstaunlich weit, und so erreichen wir schwitzend, müde und hungrig den Bahnhof in Abisko Östra. Von dort ist es nicht mehr weit zu unserem Hostel, wo man uns herzlich aufnimmt.
Michael und ich sind im Erdgeschoss des Winterday Hostels untergebracht, Neel in der Etage darüber. Vier der Betten in unserem 6-Bett-Zimmer sind bereits belegt, unsere Zimmernachbarn sind jedoch nicht zuhause. Den Flur hinunter gibt es eine geräumige Küche und eine Toilette; die Duschen sind im Nebengebäude. Brrr! Direkt daneben befindet sich jedoch eine Sauna, die gratis genutzt werden darf. Jackpot!
Als wir in der Gemeinschaftsküche hocken und unsere mitgebrachten Instantnudeln "zubereiten", trudeln nach und nach auch die anderen Hostelbewohner ein. Eine bunte Truppe! Fünf Landsmänner und -frauen, ein Geschwisterpärchen aus Guatemala, zwei Schweden, ein Paar aus Frankreich, Pearl aus HongKong und Sanwal aus Dubai. Den Nachmittag verbringen wir alle zusammen mit Gin und Kartenspielen, bis die Saunaglocke läutet.

Fertig sauniert und geduscht machen wir uns gegen 21 Uhr auf zu unserer allerersten Nordlichtjagd! Durch den Schnee stapfen wir - Michael und Neel, Pearl, Sanwal und ich - den Hügel hinter dem Hostel hinauf. Das kleine Dorf produziert nicht sehr viel Lichtverschmutzung, daher reichen schon ein paar hundert Meter, um einen atemberaubenden Sternenhimmel sehen zu können.
Im Moment ist jedoch nichts so wirklich atemberaubend, da der Himmel leicht bewölkt ist. Ein paar diffuse, silbrige Schleier tauchen auf, wir sind uns jedoch nicht sicher, ob es sich dabei um Nordlichter oder bloß Wolken handelt. Als die Wolkendecke langsam immer dichter wird und uns die Kälte durch die vielen Bekleidungsschichten kriecht, beschließen wir, es später noch einmal zu versuchen.
Auf dem Rückweg zum Hostel drehe ich mich immer wieder um, als ob die Wolken hinter uns heimlich aufbrechen und die leuchtenden Bänder entblößen würden, die Ziel, Sinn und Zweck unserer Reise sind. Scheinbar bin ich deutlich mehr davon besessen als die anderen, die in Gedanken schon wieder in der warmen Gemeinschaftsküche bei Grog und Keksen zu sein scheinen...

Bis kurz vor Mitternacht sitzen wir auf den großen Holzbänken in der Küche, futtern Junkfood, unterhalten uns über die Eigenheiten der Schweden, Politik in Dubai und Cannabis-Verbot in HongKong, bis wir erneut aufbrechen.
Und diesmal sind wir uns sicher: Nordlichter, keine Wolken! In heller Aufregung stürmen wir den Hügel hinauf. Ich kann sogar ein paar Fotos davon machen, die sich aber aufgrund der fehlenden Übung im Umgang mit Spiegelreflexkameras als nicht so total gut herausstellen.

Ich bin jedoch noch immer ein bisschen enttäuscht. DAS soll schon alles sein? Diese diffusen, grünlichen Schleier haben nichts mit den leuchtenden Bändern gemeinsam, die man von Bildern kennt. Trotzdem freuen wir uns riesig für unseren Freund aus Dubai: Es ist seine letzte Nacht hier in Abisko, und bis heute hatte er kein Glück. Ich verspreche, ihm die Bilder zu schicken, auf denen die nordische Himmelserscheinung noch etwas besser zur Geltung kommt als mit bloßem Auge.

Unsere Zimmernachbarn packen morgens um halb 8 lautstark ihre Sachen zur Abreise. Natürlich sind auch wir jetzt hellwach, und so beschließen wir, die wenigen hellen Stunden des Tages voll auszunutzen. Aber zuerst ein gemütliches Frühstück mit Nutella und Rührei! (Anmerkung der Redaktion: Von der morgendlichen Körperpflege in Form einer Dusche wird einem hier wärmstes abgeraten - und schon gar nicht mit Seife! Die zerstört die schützende Fettschicht auf der Haut und man friert schneller.)
In 4 Stunden wird es bereits wieder dunkel werden - Perfekt für eine Wanderung durch den Abisko Nationalpark, die angeblich genau vier Stunden dauern soll.

Zusammen mit Pearl machen wir uns also auf den Weg durch die vereiste nordschwedische Landschaft. Ein Teil des Trails gehört zum berühmten Kungsleden, dem "Königspfad"; ein Fernwanderweg, der quer durch Lapland führt und dessen nördliches Ende hier in Abisko liegt. Mal über festgetretene Pfade, mal durch tiefen Schnee stapfen wir den Weg entlang. Knallrote Holzkreuze weisen dem einsamen Wanderer, der sich in der Zeit verschätzt hat, auch im stockdunkeln noch den rechten Weg nach Hause.

Es ist relativ mildes Wetter, nur schlappe -3° C, und die anstrenge Route bringt mich zwischenzeitlich sogar dazu, meine doppelt gefütterten Handschuhe auszuziehen. Auf halber Strecke gelangen wir an einen zugefrorenen Fluss. Unterhalb des Eises gluckert und rauscht es; an der Oberfläche haben sich bizarre Formen aus Flusskieseln und Eiszapfen gebildet. Da es beim Überqueren verdächtig knackt und ächzst, beeilen wir uns, auf die andere Seite zu kommen.

Immer wieder führt unser Weg auf hölzernen Planken über zugefrorene Sümpfe und Tümpel. Die kältestarren Bretter stöhnen unter unseren Schritten, und man muss höllisch aufpassen, auf dem glitschigen Holz nicht auszurutschen. Der tiefe Schnee macht das Wandern anstrengend, doch im Sommer ist es wohl nicht viel besser, da wir uns anscheinend querfeldein über zugeschneites Unterholz bewegen, durch das wir uns ohne Schnee hätten durchkämpfen müssen.

Ein schmaler Pfad durch einen jungen Birkenhain führt uns auf einen Hügel, von dem aus man eine herrliche Aussicht auf die winterliche Landschaft hat. Die untergehende Sonne taucht die Berghänge in orangenes, rotes und violettes Licht. Sehen kann man die Sonne hier um diese Jahreszeit übrigens nie, da sie es nicht über die Gipfel schafft.

Tatsächlich haben wir etwas zu sehr getrödelt, und die Dunkelheit ereilt uns, lange bevor wir die kleine Ortschaft Abisko aus der Ferne sehen können. Zum Glück gibt es die roten Holzkreuze!

Müde, kaputt und etwas durchgefroren erreichen wir nach fast sechs Stunden das Hostel. Eine Riesenportion Nudeln für jeden hilft uns wieder auf die Beine; Gin trinkend und Wizard spielend planen wir schon unseren nächsten Saunagang. Es ist erst halb 8 am Abend, laut den Einheimischen ist das viel zu früh für Nordlichter; vor 11 müsse man in der Regel nicht damit rechnen. Dennoch bitte ich Michael, danach Ausschau zu halten, als er aufsteht, um das Fenster zu öffnen. Und tatsächlich: Ein schwaches grünes Band zieht sich quer über den Himmel.
Aufgeregt schlüpfen wir in unsere Skihosen - oder, genauer gesagt, in alles Anziehbare, was wir besitzen - schnappen uns die Ausrüstung und stürmen zur Tür hinaus. Mitlerweile hat es sich herumgesprochen: "Lights, lights! Lights over Lapland!" tönt es durchs Treppenhaus.

Die allgemeine Aufregung hält nur kurz an - genau wie die das Spektakel am Himmel. Enttäuscht schleppen sich Hostelbewohner zurück in die Gemeinschaftsküchen. Michael und ich entscheiden uns dennoch, den Hügel hinter dem Hostel zu erklimmen und noch ein Weilchen Ausschau zu halten, währrend die meisten anderen die Sauna den ungemütlichen -7° C der nordschwedischen Nacht vorziehen.
Schon nach gerade mal fünf Minuten kehren die Lichter zurück, sogar stärker als in der Nacht zuvor. Aufgeregt bastel ich an den Einstellungen meiner Kamera herum, um das Spektakel bestmöglich einzufangen. Dann passiert es: Der Himmel bricht förmlich auf und färbt sich hellgrün, als sich die strahlend helle Aurora Borealis über den gesamten sichtbaren Himmel ausbreitet.

Ich weiß, man sagt das immer so daher, aber so etwas beeindruckendes und atemberaubendes habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Mehrere schimmernde Vorhänge aus Licht ziehen sich über den Nachthimmel, mal diffus, mal in gestochen scharfen Strukturen und Wellen. So hell, dass der Schnee grün leuchtet. Die Atmosphäre ist magisch!
Immer, wenn ich eine besonders schöne Struktur mit der Kamera eingefangen habe, geht diese über in eine neue, noch schönere Form. Jeweils 15 Sekunden müssen wir still halten, wenn wir mit aufs Bild wollen. Dabei würde man am liebsten schreien und rumrennen! So richtig können wir es nicht fassen.

Irgendwann liegen wir nur noch im Schnee und genießen die himmlische Vorführung, währrend die Reflektionen um uns herum übers Eis tanzen.
Nach zwei Stunden holt uns die eisige Kälte jedoch ein, die wir bis jetzt vor lauter Aufregung nicht gespürt haben. Da das Spektakel ohnehin beendet zu sein scheint, machen wir uns grinsend auf den rutschigen Rückweg zurück zum Hostel. Dort treffen wir auf den Rest der Meute, die gerade mit Saunieren fertig ist. "Have you seen it?!!"
Doch bis auf ein paar andere Glückliche (unter anderem Neel), die ebenfalls draußen waren, hat keiner etwas vom Schauspiel mitbekommen. Mit unseren Bildern verschlagen wir ihnen die Sprache.

So gut wie in dieser Nacht habe ich lange nicht mehr geschlafen. Ich hab Nordlichter gesehen! Beim Frühstücken grüble ich darüber nach, welches Lebensziel nun stattdessen meine Bucket-List anführen soll, während die Jungs Faxen machen und sich über den seltsamen Geschmack des "Orangen"-Safts wundern. (Wir haben bis zuletzt nicht herausfinden können, warum das Zeug so widerlich geschmeckt hat. Scheint aber irgendwie normal zu sein.)

Am Vormittag bringt der Arctic Circle Train ein paar indische Freundinnen von Neel nach Abisko, und die ganze Truppe geht zusammen zum Skilanglaufen. Da Michael und ich die einzigen zu sein scheinen, die begreifen, dass das auf dem total vereisten Boden absolut unmöglich ist, beschließen wir, stattdessen den Schlittenhunden einen Besuch abzustatten. Die haben heute nicht viel zu tun, da seit Tagen kein Neuschnee mehr gefallen ist. Fürs Schlittenfahren sind die Wege nämlich ebenfalls viel zu vereist!

Heute ist es besonders kalt. Bibbernd stehen wir vor den großen Zwingern, in denen die Tiere das ganze Jahr über gehalten werden. Den flauschigen Wesen scheint die Kälte absolut nichts auszumachen! Im Gegenteil; würde man die Hunde über Nacht ins Haus holen, würden sie am nächsten Tag erfrieren - da der Schnee im Fell isoliert, oder so ähnlich.
Ein Lappe, der sich gerade um die Hunde kümmert, ermutigt uns, näher heranzugehen. Wir dürfen die Hunde sogar streicheln! Währrend wir abwechselnd frieren und lustige Bilder von den Hundis machen, schlürft der großgewachsene Einheimische in aller Seelenruhe seinen Tee - als Winterkleidung trägt er bloß einen Fleecepulli, keine Mütze, keine Handschuhe. Brr! Aber der durchschnittliche Nordschwede hat wohl ein anderes Kälteempfinden, siehe hierzu die Lapländische Kälteskala weiter unten.

"Was der kann, das können wir schon lange!"
Immer noch außerordentlich gut gelaunt von den Erlebnissen des letzten Abends - und weil wir auch nichts besseres zutun haben - entschließen wir uns, ein paar bescheuerte Fotos zu machen. Und laut Michael gehört zu jeder guten Reise sowieso mindestens ein beklopptes Foto mit völlig unpassender Kleidung, das der Welt jetzt auch nicht vorenthalten werden soll - siehe unten.

Der kurze Tag neigt sich dem Ende zu. Inzwischen sind vier Deutsche und ein Belgier in Neels Zimmer eingezogen; eine lustige Truppe! Die Neuankömmlige haben so viel Essen dabei, als wären sie auf einer dreimonatigen Nordpolexpedition. ... Ist ja auch nah dran.

Unter ihren Vorräten befindet sich auch ein kleiner Kürbis, den wir kurzerhand entführen, um Toffifees für unsere lange Zugfahrt zu erpressen. Das Entführungsschreiben wird jedoch nicht sonderlich ernst genommen, sodass wir uns dann im Supermarkt selbst mit Süßkram eindecken müssen. Mist :D

Am Abend gehen wir alle zusammen hinunter zum See, um noch einmal Nordlichter zu sehen. Die letzte Nacht hat uns jedoch für das matte Flimmern am Himmel, das heute zu sehen ist, restlos verdorben. Trotzdem; schafft man es, das Gerede der anderen auszublenden und stellt sich ans Ufer, schaut auf den völlig stillen, halb zugefrorenen See und die Umgebung, deren Konturen in der pechschwarzen Nacht völlig verschwinden und nur durch die grünen Bänder am Horizont wieder sichtbar gemacht werden, hat das ganze etwas Magisches.

Am Morgen des 25. Novembers heißt es bereits: Abschied nehmen von Abisko. Das Auschecken im Hostel verläuft problemlos; wir verabschieden uns von unseren neuen Freunden und den netten Leuten von der Rezeption. Etwas wehmütig trotten wir mit unserem Gepäck die rutschige Straße richtung Bahnhof hinunter. Beim Zurückblicken schieße ich ein letztes Foto von unserer Herberge.

Natürlich müssen wir am Bahnhof nicht lange warten. Schon rollt er ein, der Arctic Circle Train, der zweimal am Tag Reisende in den hohen Norden bringt und - wie in unserem Fall - wieder abholt. Die Kälte kriecht mir unter meine Kleidungsschichten, und der eisige Wind fegt Schnee über die Gleise. Trotzdem kann ich nur schweren Herzens in den warmen Waggon einsteigen. Ich werde Abisko vermissen!

Der Tag ist grau und bewölkt, was die Landschaft einiges an ihrer Schönheit einbüßen lässt. Wir fahren entlang des riesigen Sees, der Abisko umgibt, der auf der Hinfahrt jedoch aufgrund der Dunkelheit unsichtbar war. Einige Eisfischer sitzen auf dem dicken Eis, das Teile des Sees bedeckt.
Bald fahren wir an etwas vorbei, was The Great Wall aus Game of Thrones erstaunlich ähnlich sieht. Von weißen Wanderern ist jedoch keine Spur, und so können wir uns beruhigt zurücklehnen. Der Rest der Reise im Arctic Circle Train ist dunkel, verschlafen und ziemlich ereignislos. So erreichen wir bald schon unsere Anschlussstation Boden, ohne die sechs Stunden Fahrt wirklich mitgekriegt zu haben.

Achja, den absoluten Oberknaller hab ich euch ja noch gar nicht erzählt!
Michael hatte bei der Planung unserer Reise ziemliches Mimimi, was die 11-stündige Fahrt im Nachtzug auf normalen, preiswerten Sitzplätzen angeht. Da ich mich nichtmal für die Rückfahrt für die teuren Liegewagenplätze überzeugen lassen wollte, hat er mir also kurzerhand den Aufpreis nachträglich zum Geburtstag geschenkt! Der Wert dieses Geschenkes, welches ich damals noch als dekadenten Luxus für Weicheier belächelt habe, wurde mir jedoch auf der Hinfahrt erst richtig bewusst. Ihr erinnert euch: Schmerzende Glieder, grelle Beleuchtung, schreiende Kinder, rücksichtslose Mütter, kein Schlaf...?

Dank Michael haben wir jetzt jedenfalls ein gemütliches kleines Sechsbett-Abteil für uns. Uns, das heißt mitlerweile Neel, Michael, ich und zwei weitere Inder, die wir in Abisko kennengelernt haben. Nachdem wir uns Kakao und ein paar überteuerte Snacks aus dem Bordbistro einverleibt haben, genug Wizard gezockt und Faxen gemacht haben, kriegen wir auch tatsächlich noch gute acht Stunden Schlaf. Und diese Betten sind echt bequemer, als sie aussehen!
Eine Fahrt in einem schwedischen Nachtzug ist schon ein kleines Abenteuer für sich, dass ich nur jedem wärmstens ans Herz legen kann. Die Züge sind sauber und gemütlich, das Personal ist freundlich und zuvorkommend, und die Landschaft (wenn es denn hell ist) ist atemberaubend schön. Wieder einmal bewährt sich der alte Spruch. Der (Rück)weg ist das Ziel.

Zur allgemeinen Unterhaltung habe ich übrigens nur die allerdümmsten Essbilder in diesem Reisetagebuch verwurstet. Ich hoffe ihr wisst das zu schätzen!

  • Die Durch- und Heimreise
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  • 25. November 2014

Durch das Geschaukel des Zuges schläft man wie ein Baby in den schmalen Etagenbetten. So werden wir von dem Weckdienstpersonal ziemlich überrascht, dass morgens um 6 Uhr an unser Abteil klopft. "Nästa stopp: Stockholm Central Station!"
Eigentlich würde ich am liebsten liegen bleiben und dorthin fahren, wo auch immer der Zug mich hinbringt, aber es hilft ja alles nichts. Also ziehen wir uns in dem engen Raum unsere Kleidungsschichten wieder an, suchen unsere Siebensachen zusammen und verabschieden uns von den beiden Indern im Halbschlaf, die bis nach Göteborg weiter fahren.

Ich hab schon wieder vergessen, was wir an diesem Morgen zum Frühstück hatten. Wahrscheinlich Pizza. Meine Erinnerung setzt erst wieder ein, als mir die kalte Morgenluft von Stockholm die Lebensgeister wachrüttelt. Unser Flieger geht erst Nachmittags um 17 Uhr, also haben wir knappe 10 Stunden Zeit, uns die Stadt anzusehen. Ein paar Impressionen findet ihr rechts. Im Grunde ist unser Trip durch Schwedens Hautpstadt jedoch nur eine große Suche nach der nächsten bezahlbaren Zwischenmahlzeit. Reisen und Kälte macht so unglaublich hungrig!
An dieser Stelle möge mir der Leser die halbherzigen Fotografien verzeihen. Für mehr hat die Reserve einfach nicht mehr gereicht. Das Fazit: Stockholm hat mehr verdient als drei hungrige, müde Studenten auf der Durchreise. Ist aber trotzdem schön.

Um 15 Uhr geht es weiter mit dem Zug nach Stockholm Skavsta, von wo aus unser Flugzeug abhebt. Hier haben wir das erste mal mit einer Verspätung zu tun - ist aber nicht schlimm, wir haben genug Zeitpuffer eingeplant.
Gegen 20:30 Uhr landen wir Düsseldorf Weeze, und nun stehen uns noch weitere 4 Stunden Zugfahrt bis nach Münster bevor! (Mal ehrlich, Weeze ist gar nicht in Düsseldorf, sondern irgendwo am Ar***! Grummel)

Nach insgesamt 36-stündiger Reise schmeiße ich müde meinen schweren Rucksack in die Ecke meiner kleinen Bude in Münster. Schlafen kommt jedoch nicht in Frage! Nicht bevor sämtliche Fotos dieser unglaublichen Reise auf meinem Rechner gesichert sind. Und wo der Rechner schonmal an ist, kann man ja auch mit dem Schreiben eines Online-Reisetagebuchs beginnen...